16.05.2019
Bericht vom unglaublichen downwind der Teulade-brüder im mittelmeer

Um 3:30 Uhr morgens höre ich, wie Jérémy und Ludovic Teulade im Boot aufstehen. Es ist Sonntag, der 12. Mai, und wir wollen um 5 Uhr zur großen Mittelmeerüberquerung aufbrechen. Das Aufwachen war nicht weiter schwer, und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich gar nicht geschlafen habe. Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan. Wir sind am Anlegeplatz im alten Hafen von La Ciotat, eine Stadt an der Côte d'Azur, die für ihre über das Meer hinausragende Klippen bekannt ist. Die Klippen von Soubeyranes sind mit 390 Metern Höhe über dem Meeresspiegel die höchsten Europas. Der Wind wehte die ganze Nacht über sehr stark und ließ das Boot schaukeln. In meiner kleinen Kajüte, die ich mit dem Fotografen Greg Rabejac teile, begreife ich nun die bevorstehende Herausforderung. Greg ist ein erfahrener Mann, der durch die Welt gereist ist, um die schönsten Wellen der Welt einzufangen. Bei einem Mann, der schon von einem Bodyboard aus Bilder von Belharra geschossen hat, wundert es mich nicht weiter, ihn seelenruhig schnarchen zu hören.

 

 

4 Uhr. Ich beschließe aufzustehen. Nach einer kurzen Yoga-Einheit frühstücken die Brüder bereits in ihren Long John Anzügen. Julien, unser Skipper, hat auch nicht geschlafen. Nach der Überfahrt hat er uns erzählt, dass er nachts ernsthaft überlegt hat, die Abreise abzusagen. Zum Glück hat der Wind beim Aufwachen etwas nachgelassen.

 

 

5 Uhr. Ausgerüstet mit einer Prallschutzweste mit Sauerstoffpatronen, dem aufgetragenen Sonnenschutz im Gesicht und einem Helm mit Mikrofon und integrierter Lampe auf dem Kopf umarmen sich Jérémy und Ludo. Als ich diesen intensiven Moment zwischen den Brüdern beobachte, der auch zeigt, wie sehr sie ein Team sind, begreife ich, dass sie bereit sind. Sie sind konzentriert. Sie sind auf ihrer Mission.

 

 


surf trip bali

 

 


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5:23 Uhr. Noch in der Nacht, beim allerersten Licht des Tages, wirft sich Jérémy ins Wasser. Der Start ist schwierig. Der Wind stellt sich nicht ein. Gerade einmal 20 Knoten, obwohl die Prognose 40 vorhergesagt hatte. Der fehlende Wind gemeinsam mit einem Kreuzseegang von Westen machen den Start schwierig. Im Kopfhörer höre ich Jérémy fluchen. „Sch** es gibt keinen Wind!“. Das Team ist besorgt, aber Julien und Nico beruhigen alle schnell. Unsere beiden erfahrenen Skipper wissen, dass der Wind mit dem Sonnenaufgang und nach den ersten Kilometern kommt.

 

 


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6:18 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen erscheinen über den Klippen. Innerhalb weniger Augenblicke kommt Wind auf und erreicht die vorhergesagten 40 Knoten. Jérémy lächelt wieder und surft große Bumps – zum größten Vergnügen der Crew, die ihn vom Boot aus anfeuert. „Der ultimative Downwind“ kann endlich kommen! Der Wind wird immer stärker. Das Meer schäumt. Der Windmesser auf dem Segelboot zeigt Böen von 52 Knoten an. Die Wellen werden immer größer: 4 m laut Polizei, 6 m laut unserem Team. Die erste Schwierigkeit taucht auf, als Jérémy Probleme mit seinem Paddel hat. Mit Müh und Not schafft er es zum Heck des Bootes, um ein neues Paddel zu holen. Ein kleiner Fehler und Jérémy fällt. Er kriegt von seinem 17 Fuß Unlimited Paddleboard einen Schlag auf den Kopf ab. Zum Glück macht der Helm einen guten Job und bei seinem zweiten Versuch stürzt sich Jérémy wieder in den Kampf, ausgerüstet mit einem neuen Paddel.

 

 


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Nachdem er 2 Stunden und 20 Minuten gepaddelt ist, überlässt Jérémy seinem Bruder den Platz. Die Staffelübergabe ist zugleich die zweite große Herausforderung. Ludo klammert sich an den Rettungsschlitten hinter dem Boot, sieht riesige Wellen vor sich und wartet auf den richtigen Moment, um mit dem Seilgriff ins Wasser zu springen. Im selben Moment lässt Jérémy seine Leine los, um sie seinem Bruder zu geben und ergreift statt ihm den Haltegriff. Eine schwierige, aber erfolgreiche Übergabe auf hoher See. Jetzt ist der jüngere der Teulade-Brüder an der Reihe, Spaß zu haben. Ludo surft über 3 Stunden, wobei er die großen Bumps nicht ganz ohne Schreckensmomente nimmt, aber die kleineren Bumps tragen ihn zu super langen Rides! „Ich hatte das Gefühl, buchstäblich 40 km zu surfen. Das war mit Sicherheit der schönste Downwind meines Lebens!“, erzählte mir Ludo später am Abend. Während Ludo sich auf dem Wasser vergnügt, leidet sein Bruder Jérémy an Bord des Bootes ... Er möchte seinen Anzug nicht ausziehen, um im Notfall ins Wasser zu springen und seinem Bruder helfen zu können und dabei wird ihm kalt. Er beschließt daher in seine Kabine zu gehen und warm zu duschen (nicht so einfach während eines Sturms ...) und sich umzuziehen. Aber da ist es schon zu spät, sein Frühstück wird den Fischen in mehreren Portionen serviert und Jérémy kann sich nicht wieder aufwärmen. Die dritte Schwierigkeit ergibt sich in dem Moment, als Ludo und sein Board ins Boot geholt werden sollen. Es ist Zeit für eine Pause und sich zu entspannen, um dann gemeinsam gut weiterzukommen.

 

 


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Der heftige Wellengang und der Wind aus Nord-West treiben uns in Richtung Südkorsika/Nordsardinien ... Das ursprüngliche Ziel, das Mittelmeer bis zum Norden Korsikas zu überqueren, wird damit unerreichbar. Nach eingehendem Studium der Karten gibt sich unser Skipper Julien sachlich: wir würden 15 bis 20 Stunden länger brauchen, um den Süden Korsikas zu erreichen. Das würde bedeuten, dass wir zwischen 2 und 7 Uhr morgens ankommen! Aber in der Nacht so lange zu paddeln und zu segeln wäre unter diesen Bedingungen einfach viel zu gefährlich. Die Natur ist stärker als wir. Nach 6 Stunden mit einem komplett verrückten Downwind und extremen Bedingungen beschließt die Crew daher die Überfahrt zu stoppen. Wir steuern nach Norden in Richtung des nächstgelegenen Stücks Festlands – die Insel Porquerolles.

 

 

Ich frage Jérémy und Ludovic, ob sie nicht enttäuscht seien. Zu meiner Überraschung ist ihre Antwort ebenso schön wie ehrlich. „Wir bereuen nichts. Wir haben einen Traum verwirklicht und diese Erfahrung wird uns in Erinnerung bleiben ... Schon seit zwei Jahren schwirrt uns dieses Projekt im Kopf herum und seit mehr als einem Jahr arbeiten wir an der Umsetzung. Die Waiting Period von Mitte April bis Mitte Juni war kurz, und obwohl wir wussten, dass die Windrichtung nicht optimal war, wollten wir dennoch die Überfahrt machen, um den größten Downwind unseres Lebens zu spüren. Was für ein Erlebnis!“

 


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